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The Reds are back in business. Aber sowas von! In der Premier League zählt man endlich wieder zu den absoluten Top-Teams und in der Champions League ist der FC Liverpool drauf und dran ins Finale von Kiew zu hechten. Liverpool sammelt mächtig Sympathiepunkte. Das hat verschiedene Gründe.

Jürgen N. Klopp

Das „N“ steht für nassforsch! Könnte man zumindest meinen. Mit seiner Ankunft 2015 entfachte Jürgen Klopp einen absoluten Hype um seine Person. Die Dynamik und impulsive Art, mit der er die Spiele seiner Mannschaft begleitet, haben Klopp Kultstatus verschaffen. Der Messagingdienst Skype hat ihm zu Ehren ein eigenes Emoji erschaffen. Wer’s ausprobieren will: Bei Skype einfach mal „(Klopp)“ ins Textfeld hacken. Ach so, das „N“ steht übrigens für Norbert. Wirklich.

„Ich komme aus dem Schwarzwald, ich bin ein Durchschnittstyp“, sagte Klopp bei seiner Antrittskonferenz. Der ehemalige Mainzer und Dortmunder Coach deklarierte sich selbst als „The Normal One“ und grenzte sich damit rhetorisch geschickt vom oft als überheblich bewerteten Trainer-Kollegen Mourinho („The Special One“) ab. Gleichzeitig sorgte er damit für einen Verkaufsschlager an der Anfield Road: T-Shirts, Schals und Mützen mit dem Aufdruck „The Normal One“ sind so allgegenwärtig wie die roten Backstein-Mietskasernen rund um das bereits 1884 eröffnete Stadion des LFC. Hin und wieder taucht auch eines mit „Der Normale Ein“ auf. Putzig. Auch kulinarisch wurde dem 50-Jährigen gehuldigt: Zeitweilig gab es bei Heimspielen den „Klopp Dog“, ein gefüllter Pie mit Kapern, eingelegten Gurken, Kartoffeln und in Bier abgelöschtem Schweinefleisch. Wohl bekomm‘s!

Liverpool steht sicher nicht erst seit Klopp für Aufregung und Furore, ganz gewiss nicht. In den späten 70ern und 80ern war Liverpool der heiße Scheiß im internationalen Balltretergeschäft. Der Kop, die legendäre Fantribüne der Reds, begeistert bei Topspielen und im Derby gegen Everton noch immer. Dennoch wusste wohl kaum ein anderer zuvor die Emotionen so sehr zu bündeln wie der Deutsche. Das Image passt zu einem legendären Klub, der sportlich wie finanziell wieder wach geküsst wurde. Und Klopp ist längst selbst Liverpudlian. 2014, als er noch den BVB trainierte sagte er Manchester United ab. 18 Monate später landete er an der Mersey. Das rechnen ihm viele hier hoch an. Inzwischen versuchte er sogar den harten Liverpooler Dialekt zu lernen. Inwiefern ihm das Kauderwelsch inzwischen reibungslos über die Lippen läuft, ist noch nicht überliefert. Wie meinungsstark er sich zu vielen Themen äußert, sei es sportlich als auch politisch oder gesamtgesellschaftlich, damit hatte man auf der Insel wohl nicht gerechnet. Erst kürzlich äußerte er sich zum Brexit und forderte eine erneute Abstimmung über den EU-Austritt der Briten. Im Guardian bezeichnete er die EU als „nicht perfekt“, aber eben doch als „die beste Idee, die wir je hatten“. Auch durch solche Bekenntnisse hebt sich Klopp vom Rest der Trainer-Gemeinde ab.

Vor allem aber hat Klopp den in Dortmund gelebten Vollgasfußball auch nach Liverpool transportiert. Aggressives Angriffspressing meets temporeiches Umschaltspiel. Gerade gegen spielstarke Gegner wie Manchester City oder Arsenal kam das zum Tragen. Auch die TSG Hoffenheim und die AS Rom können davon ein Lied singen. Vor allem die Italiener bekamen beim Halbfinal-Hinspiel (5:2) ordentlich die Grenzen aufgezeigt. Klopp sagte später, und auch da unterscheidet er sich von vielen seiner Amtskollegen, dass er nichts gegen ein 7:4 gehabt hätte. Wow! Welch Segen für die Fußballwellt so ein Satz doch sein kann. Sollte Liverpool Ende Mai den Henkelpott tatsächlich zum 6. Mal in der Vereinsgeschichte holen, könnte die Ära Klopp in Liverpool schon schneller zu Ende sein, als vielen lieb ist: „Wenn ich etwas gewinne, könnte der Moment kommen, an dem ich sage: Okay, das war es. Ich höre auf“.

Investor Fenway

Liverpools Offensivpower mit Mané, Firmino und Salah macht Spaß. Auch ManCity und Paris Saint-Germain bieten erfrischenden Offensivfußball, allerdings müssen sie sich mit dem Image abfinden, mittlerweile zu einem neureichen „Scheich-Klub“ verkommen zu sein. Natürlich soll hier nicht der Eindruck entstehen, Liverpool würde dem Finanzgebaren mit der Produktion von Klopp-Schals, Spielertransfers (okay, Coutinhos Wechsel nach Barcelona spülte im Januar satte 160 Millionen Euro in die Kasse) oder dem Verkauf von massenhaft heißen Steak Pie bei Heimspielen Stand halten. Nein, die Fenway Sports Group, ein Sportvermarktungsriese aus Boston, hat seit 2010 die Fäden der Reds in der Hand, hält sich aber vergleichsweise dezent im Hintergrund. Etwa 400 Millionen Euro blätterten die Amis damals für die Übernahme hin. Die Zusammenarbeit soll dabei in enger Absprache mit Klopp entstanden sein, der die in England typische Trainerrolle eines Teammanagers (sprich: Trainer und Manager in Personalunion) einnimmt.

Die Klubbesitzer investierten in Beine und Steine. Für Virgil van Dijk wurden im Januar satte 78,8 Millionen Euro hingeblättert, die mit Abstand höchste Ablösesumme für einen Abwehrspieler weltweit. Naby Keita kommt im Sommer aus Leipzig für 65 Millionen – Stand jetzt der 7-teuerste Neuzugang seit Bestehen der Premier League. Die Herren Salah, Mané und Firmino gab’s zum Einheitspreis von jeweils etwa 42 Millionen Euro.

Darüber hinaus wird das tranditionsreiche Anfield Stadium peu à peu ausgebaut. Der Ausbau des Main Stands verschlang etwa 190 Millionen Euro. Infolge der Mehreinnahmen von kalkulierten 27 Millionen Euro pro Jahr ist diese Investition bis 2022 praktisch komplett abbezahlt. Bereits 2019 soll der Ausbau für den Anfield Stand beginnen, die Kapazität würde dann um weitere 7.000 Plätze auf 61.000 steigen. Nach dem Old Trafford von Manchester United wäre die Heimat des achtmaligen Europapokalsiegers (5 Mal Champions League/Landesmeisterpokal, 3 Mal UEFA-Cup) die größte Hütte in der Premier League.

Ägypt’s doch gar nicht

„But we sold Coutinho…“ – aktuell schallt ein grandioser Hit durch die Anfield Road. Gut, musikalische Evergreens drangen aus der nordenglischen Arbeiterstadt schon immer in die weite Welt. Und so oder so sind Salah, Mané und Firminio aktuell die größte Liverpooler Boygroup seit den Beatles. Ihnen zu ehren läuft seit einiger Zeit der Song „We’ve got Salah“ durch die Boxen und die Stimmbänder der Fans. Die von einem Liverpool-Fan umgedichtete Version des weltberühmten Archies-Hit „Sugar, sugar“ ist längst auch außerhalb von England Kult und vergöttert die „Fab Three“, das Offensivtrio Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino. Gleichzeitig wird in dem Lied der Abgang von Schlüsselspieler Coutinhos trotzig hingenommen. Und es stimmt: Liverpool spielt auch ohne den Brasilianer weiter höchst ansehnlich, hat die erneute Qualifikation für die Königsklasse sicher und hat nach dem 5:2-Hinspielsieg gegen Rom mehr als ein Bein im Champions-League-Finale. Wettbewerbsübergreifend erzielten die Drei unfassbare 88 Treffer in der laufenden Saison (Stand: 27. April). Der Ägypter Salah wird derzeit als bester Akteur der Premier League angesehen und wurde kürzlich zum Spieler des Jahres in England ausgezeichnet.

Das einzige Manko bleibt die Defensive, die auch nach dem Kauf von van Dijk mehr Treffer kassierte als die Konkurrenz aus Manchester oder Tottenham. Stellungsfehler gehören zu Dejan Lovren wie ein kaltes Pint im Pub. Mit dem Ex-Augsburger Ragnar Klavan und dem erst 20-Jährigen Joe Gomez mangelt es an stabilen Alternativen, weswegen ein weiterer, erfahrener Innenverteidiger von internationalem Format im Sommer kommen dürfte. Auch ein echter Spielmacher fehlt den Reds. Diesen Malus kompensiert Klopp mit der bereits geschilderten Vorgabe, möglichst schnell in die Spitze zu schalten. Ist der Ball erst einmal bei den „Fab Three“, kann er sich auf deren Klasse verlassen.